Das Emblembuch
von Kurat Michael Winnebacher von 1716

Man schrieb das Jahr 1716, als sich der kunstsinnige Kurat Michael Winnebacher ans Werk machte, ein Emblembuch zu den Sinnbildern Mariens zu schreiben und zu illustrieren. Das Emblem war eine künstlerisch-literarische Spielart, Inhalte in Lemma (Überschrift) Bild und Epigramm zu verdeutlichen. Illustriert werden abstrakte Themen, die ansonsten theoretisch nicht leicht verständlich wären. Winnebacher ist nicht der Erfinder des Emblems, für das handgeschriebene Buch verwendet er eine lateinische Vorlage, die Kardinal Celestino Sfondrati konzipiert hatte. Sfondrati stammte aus einer Mailänder Familie. Im jungen Alter von zwölf Jahren kam er nach Rorschach am Bodensee, wo er die Schule besuchte, die unter der Leitung der Benediktiner von St. Gallen stand. 1660 trat er in den Benediktinerorden ein und unterrichtete Philosophie in Kempten. 1668 wurde er zum Priester geweiht und unterwies zunächst
den klostereigenen Klerus, ab 1779 lehrte er Kirchenrecht in Salzburg. 1682 wurde er nach St. Gallen zurückberufen,wo er dem Abt als Vikar behilflich
war. Papst Innozenz XI. ernannte ihn 1686 zum Bischof von Novara, was er nur kurz war, denn 1687 ereilte ihn die Berufung
zum Fürstabt von St. Gallen. Innozenz XII. nahm ihn 1695 ins Kardinalkollegium auf. In Rom aber starb er bald darauf und wurde in seiner Titelkirche S. Cecilia
beigesetzt.

Winnebacher lehnt sich in seinem Emblembuch eng an die Vorlage Sfondratis an, ergänzt diese aber durch eigene Sinnbilder und Texte. In 52 Sinnbildern erläutert er den Aspekt der unbefleckten Empfängnis. In der Vorrede zum handgeschriebenen Werk, das den langen Titel trägt:
„Die verthädigte Unschuld das ist MARIA die seligiste Junckhfrau und Mueter Gottes, in ihrer unbefleckhten Empfengnus durch 46 Sinnbilder vorgestöllt, und einstens in Lateinischer sprach beschriben von dem weiland Hochwirdigisten Firsten und Herrn Herrn COELESTINO SFONDRATI ird. S. Bened. der H. R.K. Cardinäl, vorhero gefisteten Abbten bey S. Gallen. Nun aber in das Teutsche ybersezt, und mit einigen Sinnbildern vermert von Michael Winepacher, Seelsorger vey U. L. Frauen zu Mooß in Passeyr. Anno 1716“ nimmt er auf Sfondrati Bezug. Dabei stand dem Kuraten Winnebacher die lateinische Ausgabe „Sfondratis Innocentia Vindicata“: In Qua Gravissimis Argumentis Ex S. Thoma petitis ostenditur, Angelicum Doctorem Pro Immaculato Conceptu Deiparae Sensisse & Scripsisse, die 1695 in St. Gallen gedruckt wurde. Ein Exemplar hat sich beispielsweise in der Bibliothek des Benediktinerklosters Marienberg erhalten, wurde aber auch von den Kapuzinern eifrig genutzt, wo es vermutlich zur Predigtvorbereitung verwendet wurde. Das Buch erschien 1705 auch auf Deutsch und erlebte mehrere Auflagen. Die Sinnbilder haben folgenden Inhalt, der in einem mysteriösen Wundergehalt immer verteidigend die unbefleckte Empfängnis Mariens im Auge hat: Die Sterndeuter können an der Sonne, die für Maria steht, keine Fehler und Flecken sehen (I), das Schiff Victoria, mit dem Ferdinand Magellan 1520 von Spanien aus zu den Molukken in Indonesien unterwegs war, wird vom Schiffbruch gerettet (II), Granatapfel (III), die Pyramide, die keinen Schatten wirft (IV), der im Winter nistende Eisvogel (V), die „Erklärung der Geburtsstunde“ (VI), der Eschenbaum (VII), der weiße Hahn, vor dem Basilisk und Löwe fliehen (VIII), die aus kotiger Erde entspringende weiße Lilie (IX), der Lichtvogel, vor dem sich die Finsternis versteckt (X), der Ölbaum als Sinnbild des Friedensfürsten, den Maria gebar (XI), der Pfau, den kein Pfeil verletzt (XII), die Unschuld Mariens ist wie der reine Klang der Zither (XIII), die Perle im Meer (XIV), die Seeblume, die sich aus schwarzen Pfützen erhebt (XV), der Rebstock, den das Gewitter nicht verletzt (XVI), die Palme (XVII), der auf den Ölbaum gepelzte Fruchtzweig (XVIII), die vom Spiegel fallende Mücke (XIX), die indische Palme XX), deren Holz keinen Rauch erzeugt, der vom hohen Gebirge entspringende Bach, der sein Wasser in den Gartenbrunnen ergießt (XXI), die rote Rose (XXII), der persische Königsthron (XXIII), der im Wasser trocken schwimmende Schwan (XXIV), die Sonnenblume (XXV), die das Gift der Skorpione hemmt, der Lorbeerbaum (XXVI), das Storchennest, das die Fledermäuse abwehrt (XXVII), der auf einer Palme nistende ägyptische Storch (XXVIII),die am Meeresrand wachsenden Binsen ohne Stammringe (XXIX), das wilde Einhorn (XXX), das der Schoß einer Jungfrau zähmt, der Meerstern (XXXI), der Pomeranzenbaum (XXXII), der zugleich Blüten und Früchte trägt, der Adler (XXXIII), der Fixstern (XXXIV), der selbst die Sonnenfinsternis erhellt, der Paradiesvogel (XXXV), der sich nur in reiner Luft aufhält, der vom Blitz unbeschadete Feigenbaum (XXXVI), der Korallenast (XXXVII), der im Moment, wie er aus dem Meer kommt, zum Edelgestein wird, der Spiegel, der den Basilisken tötet, der über dem Krokodil siegende Delphin (XXXIX), der dem Wind trotzende Zirmbaum (XL), der immer wieder im Frühling zuziehende Storch (XLI), der Regenbogen (XLII), der Ebenholzbaum (XLIII), der allem Feuer stand hält, die Insel Thule nördlich von Britannien, auf der es im Sommer nie Nacht wird (XLIV), die Zypresse (XLV), der helle Sonnenaufgang (XLVI), die uneinnehmbare Festung (XLVII), die Biene (XLVIII), die Sonnenuhr (IL), der aus dem brennenden Troia errettete Anchises (L), die durch die Pfütze laufende Sonne (LI) sowie der von Hunden angebellte Mondschein (LII), wobei die Hunde die Kritiker des Glaubenssatzes der unbefleckten Empfängnis meinen. Wie aus der Aufzählung hervorgeht, wird die aus natürlichem Verstande nicht nachvollziehbare Auffassung der unbefleckten Empfängnis mit Naturbildern verglichen, die theologisch interpretiert werden. Aus der Wahrnehmung der Natur erwächst die Verteidigung des Glaubenssatzes. Darüber hinaus erhält die Marienverehrung eine durchaus lyrische Note, zumal die Sinnbilder vor allem ästhetisch wirken. Die Anwendung allerdings war gering, zumal es kaum Gelegenheit gab, die Embleme in einer ausführlichen Form auch im Kirchenraum anzubringen. Das illustrierte Buch war als Betrachtungsbuch gedacht, zum Meditieren. Ein Einfluss auf die von Winnebacher geförderte Barockkunst ist nicht festzustellen. Symbolische Embleme kommen, auf Maria bezogen, in Südtiroler Barockkirchen kaum vor. Eine Ausnahme bildet aber die von Maler Josef Wengenmayr ausgemalte Kirche St. Georgen in Obermais, wo es zu einer schönen Ansammlung von Symbolen kommt. Winnebachers Betrachtungsbuch hat jedenfalls Seltenheitswert, über seine Anschaffung kann man sich nur freuen. Man würde sich wünschen, dass das Buch in digitaler Form oder als kommentiertes Faksimile zugänglich gemacht wird, eine Transkription des Textes müsste allerdings mitgegeben werden, um die Nutzung des Buches auch zu ermöglichen. In einer vertieften Forschung könnte dann auch der Eigenanteil Winnebachers schärfer gesehen werden. Jedenfalls ist es eine Bereicherung, hier Winnebacher auch als Buchmaler erleben zu können.
Leo Andergassen